In Business- oder Familienaufstellungen wird die Beziehungswelt eines Klienten durch Stellvertreter dargestellt. Es ergeben sich überraschend sinnvolle Erkenntnisse, und kaum jemand, der an einer Aufstellung teilgenommen hat, kann sich der eindrucksvollen Wirksamkeit dieser Methodik entziehen. Die Nürnberger Aufstellungsgruppe 12coaches bietet Struktur- und Familienaufstellungen in einem professionellen Rahmen an – hier möchte ich die Grundlagen kurz beschreiben.
Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir (1916–1988) hatte die „Familienskulptur“ mit Stellvertretern bereits 1965 eingeführt. Der Legende nach entstand diese Technik, als eine zu einem offenen Workshop eingeladene Familie nicht zum vereinbarten Termin erschien. Virgina Satir entschied kurzerhand (ihre Schlagfertigkeit und Kreativität war legendär), die Dynamiken dieser Familie in Ermangelung der realen Mitglieder durch Repräsentanten zu simulieren. Da das Beziehungsgeflecht in Familien laut Satir einer „universellen Kommunikationsform“ entspricht, geben auch scheinbar unbeteiligte Stellvertreter reale Familiensituationen effektiv wieder: das “Familienstellen” war geboren.
Mehr in Richtung eines therapeutischen Impro-Theaters geht das „Psychodrama“ des Psychiaters Jakob Moreno (1889–1974), der mit Hilfe von „Hilfs-Ichs“ und unter Anleitung eines Regisseurs bühnenreife Aufführungen menschlicher Thematiken inszenierte. Weitere Beispiele sind die „systemische Organisationsaufstellung“ von Gunthard Weber, die „systemische Strukturaufstellung“ von Matthias Varga von Kibéd und die ordnungsbewusste Form des „Familienstellens“ von Bert Hellinger.
Allen diesen Grundformen ist gemein, dass sie Beziehungen innerhalb eines aus Menschen gebildeten Systems mit Hilfe von Figuren oder menschlichen Stellvertretern nachbilden: Die Stellvertreter werden in den Raum gestellt und zu ihren Wahrnehmungen befragt. Aus den Reaktionen können für den Klienten Erkenntnisse über seine eigenen Systemzusammenhänge gewonnen werden.
„Das Überraschende an (der Aufstellungsarbeit) ist, dass sich mit ihrer Hilfe Systeme durch fremde Personen darstellen lassen, und dies sogar dann, wenn die fremden Personen inhaltlich nichts über das darzustellende System wissen. Die aufgestellten Personen (…) werden nur gefragt, was sie an der jeweiligen Stelle, an der sie von der Klientin geführt wurden, für körperliche Empfindungen haben. Wir sprechen hier von repräsentierender Wahrnehmung.“ (Insa Sparrer, 2002)
Noch kann die „repräsentierende Wahrnehmung“ wissenschaftlich nicht erklärt werden. Vielleicht sind es die Spiegelneuronen in unserem Gehirn, die es uns erlauben, uns in die Emotionswelt anderer zu versetzen; vielleicht befinden wir uns in „mentalen Binnenräumen“ (Sloterdijk) oder in einem allumfassenden „Metabewusstsein“ (Dawkins). Kontrovers diskutierte Deutungsversuche wie das „morphogenetische Feld“ von Rupert Sheldrake sind auf jeden Fall ernster zu nehmen, als klingende Allegorien postmodern-esoterischer Quantenmystik („Matrix Quantum Aufstellungen“). Oft dauert es viele Jahrzehnte, bis entdeckte und genutzte Phänomene tatsächlich wissenschaftlich erklärt werden können.
„Alles, was von einem genügend anerkannten Theoretiker vorhergesagt ist, wird auch entdeckt, unabhängig davon ob es tatsächlich existiert oder nicht. (…) Alles, was von genügend anerkannten Experimentatoren „entdeckt“ ist, wird auch theoretisch erklärt, unabhängig davon ob es existiert oder nicht.“ (Herbert Pietschmann, 1996)
In Integralen (systemischen) Aufstellungen werden die persönlichen Ansichten der Beteiligten reflektiert: Wer in einer Aufstellung nach der „einen Wahrheit“ sucht, wird sie nicht finden. Es gibt nur verschiedene, gleichberechtigte Wirklichkeiten – die vom Klienten angestoßen, vom Stellvertreter in der Aufstellung reflektiert und von den Coaches begleitet werden.
Im dynamischen Ablauf einer Integralen Aufstellung konstruiert sich ein möglicher Lösungsansatz für den Klienten fließend. Durch die Reflexion in der Aufstellung wird ihm seine eigene Sichtweise aus einem zusätzlichen Blickwinkel gezeigt – falls sich eine Lösung abzeichnet, muss er nur noch danach greifen. Das muss er wollen – wer für eine mögliche Lösung innerlich nicht bereit ist, wird sie nicht annehmen.
Dagegen erklärt Bert Hellinger seine Aufstellungsarbeit phänomenologisch („nach der Erkenntnis aus Erscheinungen“) und sagt dazu: „Aus der absichtslosen Wahrhaftigkeit kommt die Wirklichkeit ans Licht“. Die phänomenologische Aufstellung nach der Hellinger – Methode sammelt „gefundene“ Ansichten und bietet Antworten aus festgelegten „Ordnungen“ an. Die Gefahr, dass der Aufstellungsleiter dem Klienten Lösungen lediglich aufstülpt, ist beim Hellinger – „Familienstellen“ leider groß.
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